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Vor einigen Monaten bin ich zu einem Abschiedapero auf der Arbeit eingeladen worden.

Hier darf ich ruhig sagen, dass ich in den ersten Monaten, nachdem ich dem Flaschengeist abgeschworen hatte, jeden Kontakt mit möglichen Verführungen gemieden habe. Aber nach drei Monaten bin ich wieder augegangen. Ich wusste, dass ich mich dem über kurz oder lang sowieso stellen musste. Es war aber ebenso klar, dass ich so nüchtern nach hause kommen würde, wie ich das Haus verlassen hatte. 

 

So habe ich das viele Jahre lang gehalten.

Kein einziges Mal in all diesen Jahren ist mir der Dämon auch nur nahe gekommen, an keinem dieser Abende, an denen ich mit Kollegen unterwegs gewesen bin, egal was sie konsumiert haben.

 

Da stellt sich doch die Frage: wieso nicht?

Die simple Antwort darauf ist: weil ich darauf gefasst war.

Übrigens: Das nenne ich eine bahnbrechend neue Erkenntnis.

 

Irgendwann wurden mir diese Abende langweilig. Es ist nicht dasselbe, daneben zu stehen, während andere trinken und feiern, als selber mit zu feiern. Irgendwann fand ich, ich könne diese Abende anders und besser nutzen und so ging ich viele Jahre nicht mehr aus.

 

Nachdem ich mit meinem Dämon ins reine gekommen war und mich unter sehr kontrollierten Bedingungen vorsichtig wieder traute, hin und wieder einen Abend zu feiern und es bei diesem einen Mal zu belassen (!) stellte sich irgendwann natürlich auch die Frage, zu welchen Festen und Feiern (aka Gelegenheiten) ich gehen und feiern wollte, zu welchen ich weiterhin nicht gehe und zu welchen ich zwar gehen mag, aber selber die Finger vom Flaschengeist und anderen Dämonen lasse.

 

Nun denn zu der Einladung zum Abschiedsapéro. Als die Einladung kam, schwankte ich hin und her:

Soll ich gehen und mitfeiern? Soll ich nicht gehen? Mag ich hingehen und nicht mitfeiern?

Schlussendlich liess ich es offen, war mir aber einigermassen sicher, dass ich nicht gehe, da das Fest in meine Ferien fallen würde. Entsprechend habe ich es vergessen.

 

Am Wochenede ebendieser Woche findet ausserdem ein ganz anderes Fest statt, eines, von dem ich definitiv geplant hatte, hin zu gehen und zwar um zu feiern. Genau deswegen hatte ich die entsprechende Woche auch Ferien genommen.

Dieses Fest war fester Bestandteil meiner Ferienplanung.

 

Nun denn... 10 Tage vor dem grossen Fest hatte ich einfach so beschlossen, es sausen zu lassen.

Grund 1: Meine Leber ist am Arsch und das ist Fakt. Richtig, wenn dem Flaschengeist genug gehuldigt worden ist, spielt das keine Rolle mehr, ich spüre es nicht mehr. Aber Fakt ist, dass ich nicht nur den Dämon in mir jubeln höre, wenn ihm gehuldigt wird, ich spüre, wie das das Gift und ich muss schon sehr davon überzeugt sein, dass ich meinem Körper das antun will.

Grund 2: Der Tag danach ist nicht lustig, ich verbringe ihn im abgedunkelten Zimmer im Bett, bin froh, wenn ich schlafen kann und freue mich auf den morgen danach, wenn der Kater vorbei ist.

 

Drei Tage später schrieb mich eine Kollegin an und fragte, ob ich an besagtes Fest kommen würde.

Und ZACK - sag dem Dämon Hallo!

 

Ja, ich habe ehrlich geschwankt. Nicht dass ich Angst hätte, dem Dämon wieder zu verfallen. Nein, das ist definitiv nicht der Fall. Aber es ist faszinierend zu sehen, was in dem Moment geschieht:

Ab dem Augenblick als ich die Nachricht erhielt, stand meine süsse kleine Freundin da, schaute mich aus grossen blauen Augen an und fragte:

"Magst du nicht mitkommen? Bitte! Wir könnten so viel Spass haben...!"

 

Und sie hatte ja recht! Schliesslich war dieses Fest fix geplant gewesen. Ich hatte vor gehabt zu gehen. Das Fest war eines von zweien, die ich in diesem Jahr geplant hatte. 

Aber es gab einen Grund, warum ich umentschieden hatte und der bestand nach wie vor.

Einen Tag später schickte ich eine Nachricht und teilte mit, dass ich nicht komme.

 

Am Nachmittag desselben Tages schickte mir ein Arbeitskollege eine Nachricht und fragte, ob ich zu dem Abschiedsapèro kommen würde. ...welchen ich total vergessen hatte.

 

Erster Gedanke: Nö

Dann hatte ich den Kollegen Dämon gespürt, wie er mir die Pfote auf die Schulter gelegt hat und hab gehört, wie er sagte, dass es kein Beinbruch wäre und ich mir den Spass doch gönnen könne.

Und ich gebe zu, dass ich mir auch diemal seine Argumente durch den Kopf gehen lies, bevor ich mich entschied.

In Wissen, dass ich den Flaschengeist den Kollegen überlasse und mich einfach von den scheidenden Kollegen verabschieden und einen netten Abend verbringen würde, schickte ich dem Arbeitskollegen eine Nachricht: Ich komme.

 

Am selben Abend schreibt mich ein ehemaliger Arbeitskollege an und fragt, ob ich an besagtem Abschiedsapèro auch mit von der Partie sein würde.

Hand auf's Herz Kollegen: Das ist kein Zufall mehr, oder?

 

 

Fragt ihr euch an diesem Punkt auch, ob es nicht sehr viel einfacher wäre, nach dem Prinzip der AAA zu leben? Nie wieder einen Schluck Alkohol trinken.

Dann würde ich gar nicht erst in Versuchung geführt werden.

Aber stimmt das?

 

Ich sage nein.

Der Dämon erscheint mir nicht nur, wenn es um Party und feiern geht. Er erscheint mir genauso im Bus, beim Schnürsenkel binden, wenn ich meine Oma besuche oder mir ein Schnitzel in die Pfanne haue... 

 

Aber mit Sicherheit erlebe ich um ein vielfaches öfter, dass mir der Dämon in Gestalt meiner süssen kleinen Freundin oder der eines Kumpels von irgendwoher zuwinkt.

Mein Vorteil daraus ist, dass ich den Umgang mit dem Dämon fortlaufend übe, üben darf und üben muss.

Ich bin verwegen genug zu behaupten, dass das der Grund ist, warum ich es mir heute leisten kann, mit dem Dämon tanzen zu können.

Dass das leicht ist, behaupte ich keine Sekunde und dass ich gegen ihn immun bin ebenso wenig! Ich bin mir des Risiko's sehr wohl bewusst. Und weil ich mir des Risiko's bewusst bin, habe ich so viel Narrenfreiheit.

 

Und für jene die es interessiert: schlussendlich hab ich offen gelassen, ob ich eine Coke schlürfen würde oder an was anderem. Wichtig ist nur, dass ich mir der Entscheidung, die ich treffe, bewusst bin und dem Dämon, wenn er denn am nächsten Tag erscheinen sollte (was er längst nicht mehr häufig tut, was aber nicht heisst, das er es nicht tun kann), den Stinkfinger oder die kalte Schulter zeige. Je nach Gestalt, in der er sich mir präsentieren sollte.