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Vor einigen Monaten bin ich zu einem Abschiedapero auf der Arbeit eingeladen worden.

Hier darf ich ruhig sagen, dass ich in den ersten Monaten, nachdem ich dem Flaschengeist abgeschworen hatte, jeden Kontakt mit möglichen Verführungen gemieden habe. Aber nach drei Monaten bin ich wieder augegangen. Ich wusste, dass ich mich dem über kurz oder lang sowieso stellen musste. Es war aber ebenso klar, dass ich so nüchtern nach hause kommen würde, wie ich das Haus verlassen hatte. 

 

So habe ich das viele Jahre lang gehalten.

Kein einziges Mal in all diesen Jahren ist mir der Dämon auch nur nahe gekommen, an keinem dieser Abende, an denen ich mit Kollegen unterwegs gewesen bin, egal was sie konsumiert haben.

 

Da stellt sich doch die Frage: wieso nicht?

Die simple Antwort darauf ist: weil ich darauf gefasst war.

Übrigens: Das nenne ich eine bahnbrechend neue Erkenntnis.

 

Irgendwann wurden mir diese Abende langweilig. Es ist nicht dasselbe, daneben zu stehen, während andere trinken und feiern, als selber mit zu feiern. Irgendwann fand ich, ich könne diese Abende anders und besser nutzen und so ging ich viele Jahre nicht mehr aus.

 

Nachdem ich mit meinem Dämon ins reine gekommen war und mich unter sehr kontrollierten Bedingungen vorsichtig wieder traute, hin und wieder einen Abend zu feiern und es bei diesem einen Mal zu belassen (!) stellte sich irgendwann natürlich auch die Frage, zu welchen Festen und Feiern (aka Gelegenheiten) ich gehen und feiern wollte, zu welchen ich weiterhin nicht gehe und zu welchen ich zwar gehen mag, aber selber die Finger vom Flaschengeist und anderen Dämonen lasse.

 

Nun denn zu der Einladung zum Abschiedsapéro. Als die Einladung kam, schwankte ich hin und her:

Soll ich gehen und mitfeiern? Soll ich nicht gehen? Mag ich hingehen und nicht mitfeiern?

Schlussendlich liess ich es offen, war mir aber einigermassen sicher, dass ich nicht gehe, da das Fest in meine Ferien fallen würde. Entsprechend habe ich es vergessen.

 

Am Wochenede ebendieser Woche findet ausserdem ein ganz anderes Fest statt, eines, von dem ich definitiv geplant hatte, hin zu gehen und zwar um zu feiern. Genau deswegen hatte ich die entsprechende Woche auch Ferien genommen.

Dieses Fest war fester Bestandteil meiner Ferienplanung.

 

Nun denn... 10 Tage vor dem grossen Fest hatte ich einfach so beschlossen, es sausen zu lassen.

Grund 1: Meine Leber ist am Arsch und das ist Fakt. Richtig, wenn dem Flaschengeist genug gehuldigt worden ist, spielt das keine Rolle mehr, ich spüre es nicht mehr. Aber Fakt ist, dass ich nicht nur den Dämon in mir jubeln höre, wenn ihm gehuldigt wird, ich spüre, wie das das Gift und ich muss schon sehr davon überzeugt sein, dass ich meinem Körper das antun will.

Grund 2: Der Tag danach ist nicht lustig, ich verbringe ihn im abgedunkelten Zimmer im Bett, bin froh, wenn ich schlafen kann und freue mich auf den morgen danach, wenn der Kater vorbei ist.

 

Drei Tage später schrieb mich eine Kollegin an und fragte, ob ich an besagtes Fest kommen würde.

Und ZACK - sag dem Dämon Hallo!

 

Ja, ich habe ehrlich geschwankt. Nicht dass ich Angst hätte, dem Dämon wieder zu verfallen. Nein, das ist definitiv nicht der Fall. Aber es ist faszinierend zu sehen, was in dem Moment geschieht:

Ab dem Augenblick als ich die Nachricht erhielt, stand meine süsse kleine Freundin da, schaute mich aus grossen blauen Augen an und fragte:

"Magst du nicht mitkommen? Bitte! Wir könnten so viel Spass haben...!"

 

Und sie hatte ja recht! Schliesslich war dieses Fest fix geplant gewesen. Ich hatte vor gehabt zu gehen. Das Fest war eines von zweien, die ich in diesem Jahr geplant hatte. 

Aber es gab einen Grund, warum ich umentschieden hatte und der bestand nach wie vor.

Einen Tag später schickte ich eine Nachricht und teilte mit, dass ich nicht komme.

 

Am Nachmittag desselben Tages schickte mir ein Arbeitskollege eine Nachricht und fragte, ob ich zu dem Abschiedsapèro kommen würde. ...welchen ich total vergessen hatte.

 

Erster Gedanke: Nö

Dann hatte ich den Kollegen Dämon gespürt, wie er mir die Pfote auf die Schulter gelegt hat und hab gehört, wie er sagte, dass es kein Beinbruch wäre und ich mir den Spass doch gönnen könne.

Und ich gebe zu, dass ich mir auch diemal seine Argumente durch den Kopf gehen lies, bevor ich mich entschied.

In Wissen, dass ich den Flaschengeist den Kollegen überlasse und mich einfach von den scheidenden Kollegen verabschieden und einen netten Abend verbringen würde, schickte ich dem Arbeitskollegen eine Nachricht: Ich komme.

 

Am selben Abend schreibt mich ein ehemaliger Arbeitskollege an und fragt, ob ich an besagtem Abschiedsapèro auch mit von der Partie sein würde.

Hand auf's Herz Kollegen: Das ist kein Zufall mehr, oder?

 

 

Fragt ihr euch an diesem Punkt auch, ob es nicht sehr viel einfacher wäre, nach dem Prinzip der AAA zu leben? Nie wieder einen Schluck Alkohol trinken.

Dann würde ich gar nicht erst in Versuchung geführt werden.

Aber stimmt das?

 

Ich sage nein.

Der Dämon erscheint mir nicht nur, wenn es um Party und feiern geht. Er erscheint mir genauso im Bus, beim Schnürsenkel binden, wenn ich meine Oma besuche oder mir ein Schnitzel in die Pfanne haue... 

 

Aber mit Sicherheit erlebe ich um ein vielfaches öfter, dass mir der Dämon in Gestalt meiner süssen kleinen Freundin oder der eines Kumpels von irgendwoher zuwinkt.

Mein Vorteil daraus ist, dass ich den Umgang mit dem Dämon fortlaufend übe, üben darf und üben muss.

Ich bin verwegen genug zu behaupten, dass das der Grund ist, warum ich es mir heute leisten kann, mit dem Dämon tanzen zu können.

Dass das leicht ist, behaupte ich keine Sekunde und dass ich gegen ihn immun bin ebenso wenig! Ich bin mir des Risiko's sehr wohl bewusst. Und weil ich mir des Risiko's bewusst bin, habe ich so viel Narrenfreiheit.

 

Und für jene die es interessiert: schlussendlich hab ich offen gelassen, ob ich eine Coke schlürfen würde oder an was anderem. Wichtig ist nur, dass ich mir der Entscheidung, die ich treffe, bewusst bin und dem Dämon, wenn er denn am nächsten Tag erscheinen sollte (was er längst nicht mehr häufig tut, was aber nicht heisst, das er es nicht tun kann), den Stinkfinger oder die kalte Schulter zeige. Je nach Gestalt, in der er sich mir präsentieren sollte.

 

 

 

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Auf die Verlockung bin ich nicht eingegangen. 

Was nicht heisst, dass es LEICHT ist, im Gegenteil! Ein Absturtz ist NICHT kein Problem!

Der Dämon ist wieder da wieder und säuselt dir ins Ohr: "Nimm mich, ich bin da für dich, ich lasse dich vergessen. Nimm mich, kuschel dich in mich, wohlig und warm wie in eine weiches Bettdecke. Ich halte dich, schauckle dich, schenke dir süsse Träume. Oder süsses Vergessen. Nimm michn nur heute noch ein Mal..."

Du bist fällig, denn du kannst das Gesäusel nicht abstellen, ihm nicht aus dem Weg gehen, dich nicht davon ablecken. Die Stimme spricht nicht zu dir, der Dämon sitzt in dir und egal was du tust: er spricht in dir, brüllt in dir.

Du kannst ihr nicht entgehen.

 

Aber ich kann dir sagen, wie du ihr widerstehen kannst. Es ist keine Hexerei, es ist auch keine Kunst. Das einzige was es erfordert ist Kraft und Wille.

Spul sie nochmals zurück, die Stimme des Dämons und hör dir den einen Satz nochmal genau an:

"Nimm mich nur heute noch ein Mal..."

Und nun sag mir: Was daran ist falsch?

 

ES IST GELOGEN.

Und du weisst es. Alles davor entsprach der Wahrheit, dieser Satz aber ist die personifizierte Lüge, dein Dämon, die Bestie. Es ist der Moment, wo du ihr wahres Gesicht erkenennen kannst. Erkennen musst!

Denn du WEISST, dass es NIE EIN EINZIGES, LETZTES MAL gibt, wenn du dem Dämon in dir glauben schenkst!

Das ist der Moment, wo du der Fratze in die Augen schaust, sie angrinst, dich höflich für die gute Zeit die ihr zusammen hattet bedankst, dich umdrehst ... und gehst.

 

Ich garantier dir, dass dies der Moment ist, wo der Dämon seine Zuckermäuschen-Maske ablegt, dir die wahre, kranke, verzzerrte, hässliche Fratze der Bestie zeigt und nochmals mit ihren grässlichen Prankenkrallen nach dir schlägt, wütet und tobt. 

Lass es geschehen. Dreh dich nicht mehr um, geh einfach davon.

 

Ja, das kostet Kraft, unendlich Kraft.

Aber wenn du bis hierher überlebt hast, bist du auch diesem Kraftakt gewachsen.

 

 

 

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Ich bin Ex Junkie und somit ein Junkie. Ich hab unter Brücken geschlafen, in Eisenbahnwagons, Telefonkabinen, egal ob Regen oder Schnee. Ich habe mein Essen geklaut wenn ich welches brauchte, ich habe getan, was getan werden musste, um meinen Stoff zu finanzieren, denn ich brauchte ihn, so wie der Mensch die Luft zum Atmen braucht. Ich lebte auf der Strasse. Ich habe viel gesehen.

Aber davon siehst du mir äusserlich nichts an. Ich sehe aus wie jeder andere, dem du auf der Strasse begegnest . Ich habe nicht die Junkie-Narben, die sich den Venen an Armen entlang ziehen wie „Autobahnen“, die daher kommen, dass die stumpfe Nadel immer wieder an derselben Stelle rein gerammt wird. Ich wusste, wie man eine Spritze setzt, damit sich keine Narben bilden, sonst sähe auch ich heute anders aus.

Dafür war ich damals und bin ich heute dankbar, aber nicht Gott, der hatte damit nämlich nichts zu tun.


Ich trage nicht die äusserlichen Spuren des Junkies.
Ich könnte jeder sein, dem du auf der Strasse begegnest.


Ich lebe heute ein gutes Leben. Ich habe einen guten Job, zu dem es etwas mehr braucht, als nur den Willen, jeden Tag arbeiten zu gehen.

Ich kann mich nicht beklagen und dafür bin ich dankbar, aber nicht Gott, der hatte damit nämlich nichts zu tun.


 
"Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Dem stimme ich nicht zu. Die Wunden bleiben. Mit der Zeit schützt die Seele den gesunden Verstand und bedeckt ihn mit Narbengewebe und der Schmerz lässt nach - aber er verschwindet nie."

Rose Kennedy

Dem stimme ich zu.


Nur wer selber Narben auf der Seele trägt, woher auch immer sie stammen, erkennt den Anderen. Ich erkenne ihn und er erkennt mich.
Das wiederum ist ein Geschenk, denn ich brauche mich nicht lange damit auf zu halten, was jemand zu sein oder zu können vorgibt; ich weiss, ob mich interessiert, was jemand zu sagen hat oder nicht.

Dafür bin ich dankbar, aber nicht Gott, der hatte damit nichts zu tun.

 

 

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Obwohl ich es mittlerweile wissen sollte...

Es ist doch immer wieder ein merkwürdiges Gefühl,
dieser Moment, in dem du feststellst,
dass sich alles in dir sträubt, die Bestie zu dir lassen zu wollen,
selbst wenn du es wollen würdest.


Selbst wenn die Flasche im Regal steht,
selbst wenn alles vor dir auf dem Tisch liegt
sträuben sich dir die Nackenhaare, wird dir übel, wenn du blos dran denkst.

Das ist der Moment, wo du weisst:
DASS DU DAS SAGEN HAST UND NICHT DER DÄMON IN DIR.

 

 

 

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Hi Ginnie

Flaschengeist.

Ich höre dich, ich fühle dich.

Aber du machst das gut, schleichst dich lautlos, unauffällig, harmlos an.
Ich höre die verführerischen Worte, die du mir ins Ohr säuselst,
Deinen heissen Atem an meinem Puls...

Ohja, verlockend ist dein Angebot! ...So verlockend...
Aber ich kenne deine Maschen, alle deine Tricks.

Es gab Zeiten, wo ich dich brauchte, dich suchte, dir verfallen war.
Dem ist nicht mehr so.

Heute
Brauchst du mich, um aus der Flasche gelassen zu werden,
damit wir miteinander spielen können.

Heute
Bestimme ich über dich. Nicht umgekehrt.

Nun denn... heute wird das nicht geschehen. Und auch morgen nicht.
Aber keine Angst, wir werden wieder miteinander spielen, irgendwann.

Das versprech ich dir.

 

 

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Ich trage nicht die äusserlichen Spuren des Junkies.

Ich könnte jeder sein, dem ihr da draussen auf der Strasse begegnet, ihr würdet mich nicht erkennen.

 

Aber ich bin nicht jeder, ich bin anders. Äusserlich sind keine Narben und Zeichen geblieben.

Meine Narben sind unsichtbar für des Menschen Augen, man könnte sie nur mit dem Herzen fühlen.

Oder indem man ganz genau hin hört.

Etwas, was ihr nicht könnt, weil es Eure Vorstellungen sprengt.

Was ihr seht und was ihr glaubt, ist das, was ihr sehen wollt.

 

Die Lücken in meinem Lebenslauf kann ich ausgezeichnet erklären, ohne auch nur die Spur eines Zweifels in meinem Gegenüber zu erwecken. Gelogen.

Die paar äusserlichen sichtbaren Narben, auf die mich selten jemand an zu sprechen getraut (Wieso nicht? Ganz einfach: weil ihr euch nicht traut), kann ich erklären. Alle Gelogen.



Die waghalsigen unter Euch, die sich hin und wieder trauen, Fragen zu stellen auf die ihr die Antwort nicht wissen wollt/nicht erfassen könnt, sehen und glauben schlussendlich das, was ich euch sehen lasse.

Ihr glaubt mir, weil ihr mir glauben wollt. So einfach ist das.

Es ist das kleine Einmaleins, das jedes Kind kennt.

Und jeder Junkie beherrscht.



Ich bin anders als ihr.  Das ist nichts, worüber ich mich freue. Es ist eine Last und es ist ein Fluch.

Und es macht einsam.

Aber damit muss ich leben. Und kann es.

 

 

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Mein Versprechen ist es, das mir immer wieder den Arsch rettet. Mein Versprechen:

"Sag niemals nie! Sag niemals, du wirst NIE wieder einen Absturtz haben. Verleugne nicht, dass es dich danach sehnt und sich möglicherweise auch in vielen Jahren immer mal wieder danach verlangen wird."

 

Mein Körper ist gar nicht mehr in der Lage, einen Absturtz einfach so weg zu stecken. Heute spüre ich das Gift und es ist kein gutes Gefühl. Ich weiss, mit jedem Glas Alkohol schlage ich einen weitern Nagel in meinen Sarg. Ich würde nie behaupten, dass mir das egal ist. Ich überlege mir mehr als 10x, ob ich mit anstosse oder bei O-Saft und Mineralwasser bleibe. Immer.

Aber wenn ich mal wieder beschlossen habe drüber weg zu gehen und mir einen Absturtz Abend leiste, dann ist es mir egal, ob mein Körper "nein" sagt. Der Unterschied zu früher ist: es ist nicht mehr der Dämon in mir, der skrupellos über mich bestimmt sondern ich bin es, der sagt: "Heute will ich, heute tu ich!"

Es ist kein schönes Gefühl, zu spüren, wie einem die Luft weg bleibt und auch nicht der Schmerz in der Brust. Heute spüre ich dies und ich weiss, was ich tue.

 

Ist es mir egal? Nein, so abgebrüht bin ich nicht.

Hält es mich auf? Nein, wieso sollte es?

 

Falls Leute da sind, die von diesem Hintergrund wissen und sich besorgt erkundigen:

"Geht es dir gut?" - "Ja natürlich!" - "Brauchst du was?" - "Alles Bestens. Erst mal hohl ich mir was zu trinken und falls was ernstes gewesen wäre, bin ich wenigstens glücklich gestorben. "

 

...."Falls es was ernstes ist, bin ich wenigstens glücklich gestorben."....

Voilà. Ich will nicht elend krepieren an einem lebenserhaltenden System. Ich will einfach eines Tages sterben und nichts bereuen.

 

Und bereuen werde ich nicht!

Ich habe gelebt!

Ich habe geliebt!

Ich habe mehr erlebt als viele Menschen in 100 Jahren.

 

Und wenn das Wochenende vorbei ist und ich es überlebt habe - starte ich in die neue Woche und lebe mein hundsnormales Leben weiter.

Was will ich mehr?

 

 

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Sich in Gesellschaft zu unterhalten ist nicht ganz einfach. Wo andere witzige Stories zum besten geben, kann ich nichts beitragen.

Meine Stories sind nicht wollig-weich-perwoll-gewaschen. Ich habe „ein paar“ Jahre in Abhängigkeit gelebt, was ich während der Jahre der Schwerstabhängigkeit gesehen, erlebt oder getan habe, ist nicht gesellschaftstauglich. Und wie ich sonst gelebt habe ebenfalls nicht. Seit ich das Leben wieder entdeckt habe, nachdem ich von Heroin weg gekommen bin, habe ich auf der Überholspur gelebt: 340 km/h nonstop.
 

Auch eine Meinung kann ich nicht zum Besten geben, denn habe aufgehört, eine Meinung zu haben. Zwei verdutzte Augen sehen mich an. Wieso?

Ich formuliere es mal so:

Je tiefer man in eine Materie vorstösst, desto weniger weiss man. Wo immer man meint, die Antwort auf eine Frage gefunden zu haben, tun sich fünf neue Fragen auf. Das einzige, was man wirklich weiss / wissen kann, ist das, was man selber er-lebt hat.

Wie könnte man vor dem Hintergrund dieser Einsicht noch behaupten, etwas zu Wissen?
Selbst wenn ich zu einigen Dingen eine Meinung habe – was für mich richtig ist, ist nicht für jeden anderen richtig. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

 

Wie also bewegt man sich in Gesellschaft, wenn man nichts zu berichten hat?
Man schweigt.
Man lenkt ab.
Man lässt andere reden.

Das ist das kleine 1x1, das jeder Junkie beherrscht. Früher gehörte noch Lügen ins Repertoire. Zugegeben, auch das beherrscht man nach wie vor und wenn es nötig ist, tut man es auch. Ohne rot zu werden.

 

Es ist ganz einfach, einen Menschen mit einer „Vergangenheit der anderen Art" zu erkennen.  Wir erkennen uns gegenseiti:
An dem, was wir nicht sagen.
Dort, wo wir ab- und weg lenken.
Am Schweigen.
In den Augen.


Und an nonverbalem, für den Aussenstehenden nicht sichtbaren Signalen, die sich nicht in Worte fassen lassen.


Aber in der Regel fallen wir nicht auf.
Stumme Zeichen werden in einer Gesellschaft die sich jeder gerne selber reden hört nicht wahrgenommen. Für mich ist das gut so.
Es erleichtert es mir ungemein, mich jeden Tag in einer Gesellschaft zu bewegen, mit der ich nichts gemeinsam habe und dennoch meinen Job zu erledigen.

 

Das Einzige, was daran mühsam ist:
Sich überhaupt in einer Gesellschaft bewegen zu müssen, mit der ich nichts gemeinsam habe und deren Interessen und Probleme mich nichts angehen und nicht interessieren.

 

 

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Sie geschehen immer wieder.

Eingeladen zum Essen, ein unkompliziertes Zusammensitzen und plaudern mit Leuten, die ich erst kürzlich kennen gelernt habe und wusste, dass das Leute  sind, die nicht 0815 funktionieren, sonst hätte der Abend gar nie statt gefunden.

Das Thema Drogen (Kiffen, Trinken, Härteres) wird niemals durch mich aufgeworfen, es ist immer das Gegenüber. Beim Essen gehen ist es sowieso schnell ein Thema, denn ich trinke nicht (mehr). Ein weiterer Grund, warum mir Geschäftsanlässe, Weihnachts- oder sonstige Feiern ein Greuel sind.

Denn damit geht es los:

„Du trinkst nicht?“ „Ach komm, nur ein Gläschen (!)…“, „Ganz sicher nicht?“ „Ach komm, sei kein Spielverderber!“ „Gar nie?“ „Wieso nicht?“
Darauf gebe ich meistens eine von zwei möglichen Antworten:
„Ich fahre.“ Oder „Ich vetrag’s nicht.“ Alles andere wird nicht akzeptiert, immer wird versucht, einem doch ein Glas auf zu drängen.


Ist das nicht verrückt? In unserem Land sterben jährlich mehr Menschen an den Folgen des zu Hohen Alkoholgenusses als zu Spitzenzeiten an einer Überdosis Heroin gestorben sind – und doch ist es legal und mehr als das: Es gehört zum „guten Ton“, mit andern etwas zu Trinken, sei es beim Anstossen in der Kneippe oder zum Essen mit einem Glas Wein. DAS habe ich nie verstanden, auch nicht, bevor ich ein Problem mit Alkohol bekommen hatte und ich werde es auch nie verstehen.


Vielleicht sollte ich es mal versuchen: mir mein allerbestes Lächeln ins Gesicht zaubern, meinem Gegenüber freundlich in die Augen schauen und sagen: „Wenn du eines Tages mitreden kannst, was es heisst, ein Scheiss Junkie gewesen zu sein (und du überlebst), können wir miteinander reden. Vorher lass mich das tun, was ich für mich für richtig halte und hör auf mich zu bequatschen."


Oh Mann, DANACH kämen keine Fragen mehr! Ich höre das schreiend betretene Schweigen wenn ich nur darüber nachdenke.


Ja Leute, So geht es uns ständig, wenn ihr uns in die Ecke drängt! Ihr habt keine Ahnung, was in solchen Momenten an Gedanken und Gefühlen durch uns und über uns hinweg walzen!


Ich kann mich glücklich schätzen:  Ich habe kein Problem als asozial eingestuft zu werden, wenn ich auf Sticheleien und Bedrängung mit einem Schulterzucken reagiere und weg gehe. Sozial Kompatibel bin ich schon lange nicht mehr, denn ich habe längst aufgehört, mich rechtfertigen oder erklären zu wollen. Wer mit einer schlichten, einfachen und klaren Antwort nicht zufrieden sein kann, hat selber ein Problem. Wenn ich „nein“ sage, meine ich „nein“. Nicht „vielleicht“ und auch nicht, wenn man mich lange genug unter Druck zu setzen versucht. Im Gegenteil. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Bestie Sucht heute derart unter Kontrolle habe, dass ICH sie kontrolliere und nicht umgekehrt. Nie!

Aber ich weiss, dass nicht jeder Ex-Junkie diesen Willen hat  und ich weiss, wie der Dämon in einem zu Brüllen und zu Toben anfangen kann, wenn sie herausgelockt wird.

 

Dieses Mal blieb es bei den paar Fragen und ging nicht in eine Drängelei, die an Vergewaltigung grenzt über. Erst später beim Essen kam (nicht von mir) das Thema wieder auf den Tisch und ging fliessend über zu weiteren Suchtmitteln.

„Ich trinke halt gerne Bier und daraus mache ich keinen Hehl. Ich werde auch nicht betrunken, also wieso sollte ich nicht weiter trinken? Gekifft haben wir doch alle mal, ist ja nix dabei, ist normal, man will einfach dabei sein. Von Kokain wird man ja nicht abhängig, jedenfalls nicht körperlich. Und von Heroin hat man schliesslich gewusst, wie gefährlich es ist, schliesslich hat man „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gesehen und hat die Finger davon gelassen, nicht wahr?“


War das eine Frage oder eine Feststellung?
Willst Du darauf Antworten oder wolltest du einfach angeben?
Ich sagte dazu jedenfalls schlicht und einfach: Nichts. Darin habe ich Übung.


Gedacht habe ich folgendes:

Du bist bereits Alkoholiker, Du kapierst es nur noch nicht.
Und gut für Dich, dass „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Dich derart abgeschreckt hat. Könnte man auch als feige bezeichnen, schliesslich hast Du sonst vor nichts und niemandem Angst oder Respekt. Aber quatsch dir das alles weiter schön. Ich diskutiere das nicht mit dir. Oder wie gesagt: wenn du mitreden kannst - falls du jemals so weit kommst.