default_mobilelogo
default_mobilesplash

 

Das grösste, dümmste, und kontraproduktivste Missverständnis in der Suchtbekämpfung und dem die AAA nach wie vor ebenso erbittert hinterher hecheln wie die meisten Fachmänner und Fachfrauen ist:

 

 

Ein Absturtz ist gleichbedeutend mit einem Rückfall in Sucht und Abhängigkeit.

 

DAS IST FALSCH!

Und zudem ist es kontraproduktiv!

 

Ich werde diese Behauptung in jeder winzigsten Kleinigkeit erklären, denn ich will, dass dies verstanden und mir nicht im Munde verdreht wird. 

Meine allerbeste Entscheidung in Bezug auf meine "Suchtkarriere(n) war und ist gewesen, dass ich nie geglaubt, nie behauptet und mir auch nie verboten habe, in einem Moment der Schwäche einen Absturtz hin zu legen. Ich unterscheide zwischen einmaligem Absturtz und einem Rückfall.

Damit das klar ist: Es ist dein Ziel, nie wieder einen Absturtz zu landen!

Aber wenn du denkst und daran festhälst, dass du dies ohne Frage schaffst, dann sag ich: Bist du grössenwahnsinnig. Und ein geflügeltes, jedem bekanntes Sprichwort sagt dazu das einzig richtige: Je höher du steigst, desto tiefer der Fall. Was dieser "Fall" in deiner Situation bedeutet muss ich nicht weiter ausführen.

 

Ein Rückfall ist, wenn ich aus einem schwachen Moment heraus umgefallen bin und danach "den Bettel hinschmeisse" und eins, zwei schwupp - in jedes alte Muster zurück falle und der Bestie Sucht hörig bin, ganz so, als hätte es nie etwas anderes in meinem leben gegeben. Ein Rückfall ist der dauerhafte Schritt zurück in Abhängigkeit und Sucht.

Ein Absturtz ist zeitlich begrenzt, er beinhaltet ein einziges Mal, einen einzigen Abend, eine einzige Nacht, in einem schwachen Moment umgefallen bin, am nächsten Tag die Ärmel hoch kremple, mir selber eine Ohrfeige verpasse für meine Dummheit und dem Dämon einen Arschtritt verpasse und in die Hölle zurück schicke, wo er hin gehört!

 

Ein Absturtz ist kein Rückfall!

Aber, und das ist der kontraproduktive Teil: aus einem Absturtz wird umgehend ein Rückfall, weil der Betroffene diesen Mist glaubt!

Er glaubt diesen Mist, also ist es nach seinem einmaligen Absturtz sowieso vorbei.

Er ist schwach geworden (als ob ein Moment der Schwäche ein Weltuntergang wäre), er hat versagt, in den Augen seiner Kollegen, in den Augen der Fachleute - und somit auch in seinen Augen. 

Er hat versagt, also kann er, nein muss er, weiter machen. Er ist eh ein Versager. Er hat eh keine Chance.

Was also tut der Junkie? Er macht weiter. Und aus dem einmaligen Absturtzt wird der dauerhafte Rückfall.

 

Und jetzt wird es doppelt fatal:

Jeder Junkie lässt sich wo immer er kann, ein Hintertürchen offen, ein Schlupfloch, durch das er, wenn er will, wieder in die Sucht zurück fliehen kann.

Das ist ein so fester Bestandteil jeder Sucht, dass jeder, der sich Fachmann/Fachfrau schimpft, dies wissen müsste. Wie fatal und paradox ist es also, dass ausgerechnet diese Leute nicht kapieren, das genau diese falsche Predigt, die sie uns halten, der grösste Mist und genau dieses Hintertürchen ist, das sie uns auf dem Silbertablet servieren?!

 

Ich bin mit meiner Meinung nie "hausieren" gegangen. Muss jeder selber wissen, was er für richtig hält. Aber für mich sah das so aus:

Ich verlasse die therapeutische Einrichtung nicht in der Absicht, mir einen Absturtz "zu gönnen". Im Gegenteil, ich habe eine Scheissangst davor! Ich werde mich immer und in jeder Lebenslage hüten, einen Abstzurtz hin zu legen. Aber wenn alle Stricke reissen, wenn all die Rettungsanker versagen, die ich mir aufgebaut habe und die ich mitnehme und ich einen Absturtz hinlege - dann heisst das für mich nicht, dass ich wieder mitten drin bin! Dann heisst das, dass meine Sturmpallisaden einen Riss abbekommen haben und ich herausfinden muss, warum, damit ich sie entweder flicken oder neue Pallisaden aufbauen kann.

Ich war damals 22 Jahre alt. Ich weiss noch genau, mit wie grossen Augen mein Therapeut mich angsehen hatte, ungläubig, erstaunt, erschrocken, überrascht. Ich erinnere mich auch, dass es Therapeuten gab, die mir klar zu machen versuchten, dass ich mir etwas vormache. Allerdings ist meine Einschätzung von derart vielen Fakten untermauert, dass es kein Argument gibt, sie in Zweifel zu ziehen.

Und ich habe viele meiner damaligen "Leidensgenossen" gesehen, wie sie eine zweite und dritten Anlauf hinlegen mussten, weil sie nach ihrem einmaligen Absturtz weiter gemacht haben. Weil sie versagt hatten und sie die Scham sich selber und dem Rest der Welt gegenüber nicht aushalten wollten/konnten. Oder weil es eben die bequeme Hintertür ist.

Ich selber habe meine zwei oder drei Abstürtze hingelegt (im Abstand von vielen Jahren), am nächsten Tag hab ich mich zu tode geschämt, mir eine Ohrfeige links und rechts verpasst, die Ärmel hoch gekrempelt und mich rangesetzt, den Scherbenhaufen zusammen zu wischen und die Bude wieder in Schuss zu bringen. Hey, ich habe nicht gesagt, dass das leicht ist! Aber alles andere ist keine Option.

Meine Behauptung erfordert ein hohes Mass an Selbstverantwortung. Das ist mir bewusst. Aber Selbstveratwortung ist genau das, was ein Junkie verdammt nochmal aufbringen muss, um der Bestie Sucht und seinem Dämon dauerhaft die Stirn zu bieten!

Das umgekehrte, ihm weiss zu machen, dass ein Moment der Schwäche gleich zu setzen sei mit einem dauerhaften Rückfall, manövriert ihn, sobald er einen solchen Moment erlebt haben sollte, genau dorthin zurück: aus Scham, weil er versagt hat, aus Verzweiflung - oder ganz schlicht und einfach weil es die beste Hintertür ist, die man sich als Junkie wünschen kann. Ein Freibrief, staatlich geprüft und mit Siegel.

 

Zusammengefasst nochmal und zum mitschreiben:

Wenn du einen Absturtz hingelegt hast, ist das nicht das Ende der Welt. Steh auf, verpass dir eine fette Ohrfeige, krempel die Ärmel hoch, finde heraus, in welchem Moment du schwach geworden, um gefallen bist und überarbeite deine Sicherungsstrategien! Und last but absolutely necessairy: Sprich mit deinem Therapeuten und Freunden darüber!

Denn hier wie auch überall sonst wo es einem gelehrt wird gilt: Schwächen zu haben und dazu stehen zu können ist eine Stärke. Und wenn du einen Fehler begangen hast und daraus lernst, gehst du doppelt stark daraus hervor!